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Unterwegs in Costa Rica: Zu Besuch bei FIDERPAC

Zusammen mit dem Länderverantwortlichen für Costa Rica, Carlos Hernandez, und Annette Herrmann-Winter vom deutschen Oikocredit-Förderkreis Hessen-Pfalz, besuche ich meinen ersten Oikocredit Projektpartner, FIDERPAC, eine Mikrofinanzorganisation rund 50 km westlich von San José.

Unterwegs im malerischen Hochland
Nach einer kurvenreichen Fahrt durch die wunderschöne grüne costa-ricanische Landschaft von San José hinauf in die Berge kommen wir auf rund 1100 Meter über Meer nach Santiago de Puriscal. Die Landschaft unterwegs ist gebirgig und zwischenhinein sieht man weidende Kühe. Würden nicht Palmen und andere exotische Pflanzen uns daran erinnern, dass wir hier in den Tropen sind, könnte man meinen wir seien unterwegs in den Alpen.

Puriscal ist mit rund 8000 Einwohnern der Hauptort eines Verwaltungsbezirks und ein lokales Zentrum zum Einkaufen und ein Treffpunkt für die Leute der umliegenden kleinen Dörfer. Mitten in der Stadt, von einem Zaun umgeben, steht die Kirche von Santiago de Puriscal. Die Mauern haben grosse Risse und Bäume, Sträucher und andere Pflanzen wachsen aus den Mauerritzen. Eine Erinnerung, ein Mahnmal an das Erdbeben, das 1990 während Monaten die Stadt immer wieder aufs Neue erschütterte!

Ruinen der Kirche Santiago in Puriscal vom Erdbeben zerstört

Ruinen der Kirche Santiago in Puriscal vom Erdbeben zerstört

Hier in Puriscal ist der Hauptsitz von FIDERPAC (Fundación Integral de Desarollo Rural del Pacífico Central). Im kürzlich neu gebauten Gebäude der Organisation werden wir vom Elias Gonzalez dem Generaldirektor und Xinia Rojas, der Verwaltungschefin von FIDERPAC freundlich empfangen. Sie erzählen uns über die Organisation, deren Aufgaben und Herausforde-rungen. Gleich im Untertitel des Signets steht das Ziel von FIDERPAC: «Para el bienestar familiar» (für den familiären Wohlstand).

Hauptsitz von FIDERPAC in Santiago de Puriscal

Hauptsitz von FIDERPAC in Santiago de Puriscal

 

Eine nicht gewinnorientierte Stiftung
In den 80-er Jahren hatte die Hilfsorganisation Care International verschiedene kommunale Kreditprogramme in Costa Rica aufgebaut. Nach deren Rückzug wurde im August 1993 aus den bestehenden Strukturen FIDERPAC als private Organisation gegründet. FIDERPAC ist eine Stiftung und nicht gewinnorientiert.

Eine Vision, die Umwelt und Gleichberechtigung berücksichtigt

Elia Gonzales präsentierte uns die Vision der Organisation: «Wir wollen eine Organisation für die Gemeinden sein die weit herum bekannt ist und geschätzt wird. Wir wollen umweltfreundlich sein und führend im Markt der Mikrofinanzorganisationen. Wir bieten unseren Kunden einzigartige Chancen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern mit einem Weltklasse Service und Gleichberechtigung von Mann und Frau.»

Wow, denke ich mit einem innern Lächeln, als ich diese Vision höre, die auch hohe Erwartungen weckt. Wollen wir nicht alle die Besten sein und das alles erst noch unter Berücksichtigung der Umwelt und der Gleichberechtigung von Mann und Frau? Aber wie sieht das denn in der Realität aus? Entspricht FIDERPAC den eigenen Ansprüchen oder bleibt das Ganze eine Absichtserklärung auf Papier, denn Papier ist ja bekanntlich geduldig? Ich bin gespannt mehr zu erfahren.

Ueli Burkhalter
Anleger und Vorstandsmitglied
Oikocredit Förderkreis deutsche Schweiz

Mikrofinanz in Ostafrika: So erreicht KAWOSO ihre Zielgruppen

Anton Simanowitz ist Experte für soziales Wirkungsmanagement und arbeitet bei Oikocredit im Rahmen des Mentoring-Programms für Mikrofinanzinstitutionen. Hier berichtet er von seiner jüngsten Reise nach Tansania:

Mein erstes Treffen mit dem Geschäftsführer und dem Vorstandsvorsitzenden der Oikocredit-Partnerorganisation KAWOSA fand während einer Weiterbildungsveranstaltung von Oikocredit statt. Die Fortbildung, an der fünf Oikocredit-Partner teilnahmen, war Teil des Mentoring-Programms zu sozialem Wirkungsmanagement, das Partnern bei der Verbesserung ihrer Geschäftsabläufe mit Rat und Tat zur Seite steht.

KAWOSA ist eine kleine Spar- und Kreditgenossenschaft (SACCO), die in einem abgelegenen Distrikt im Norden Tansanias, an der Grenze zu Ruanda, arbeitet. Sie hat nur fünf Angestellte, die 1.200 Genossenschaftsmitglieder betreuen.

Entwicklungsmöglichkeiten für KAWOSA

Viele Mikrofinanzinstitutionen wie KAWOSA sehen ihre potenzielle Kundschaft im Bereich der „ökonomisch aktiven Armen“, also Menschen, die über ein stabiles Einkommen und eine relativ sichere wirtschaftliche Basis verfügen. Sie gelten deshalb als „weniger riskante“ Zielgruppe. Damit übergehen die Mikrofinanzorganisationen jedoch einen großen Teil der Bevölkerung, der als zu risikoreich angesehen wird.

Tatsächlich ist jedoch die Gruppe mit den weniger stabilen Einkommen wirtschaftlich „aktiver“, da ihr Überleben von einer Vielzahl oft unregelmäßiger Einkommensquellen abhängt. Hier besteht ein erhöhter Bedarf an Finanzdienstleistungen und diese Gruppe verfolgt die Möglichkeit einer gewinnbringenden Investition – wenn sie sich denn bietet – mit größerem Elan und Eifer.

Mein Besuch bei KAWOSA war Teil einer Evaluierung des Mentoring-Programms von Oikocredit in Ostafrika. Ich habe eine Studie zur ökonomischen Situation der Kundschaft durchgeführt. Hierbei wurden die Schwierigkeiten deutlich, mit denen sich KAWOSA konfrontiert sah und für die die Genossenschaft Lösungsansätze fand.

Obwohl es für ungeschulte „westliche“ Augen so aussehen mag, als wären alle Frauen im ländlichen Tansania arm, gibt es tatsächlich große Unterschiede. In einem Gespräch bat ich eine Gruppe von zehn Frauen um ihre Einschätzung zu Armut und Wohlstand in Ihrem Dorf. Sie identifizierten drei Gruppen, indem sie Steinchen so aufschichteten, dass sie der Anzahl der Mitglieder ihrer Dorfgemeinschaft entsprachen (s. Foto).

Verteilung der Mitglieder der Dorfgemeinschaft nach wirtschaftlicher Situation

Verteilung der Mitglieder der Dorfgemeinschaft nach wirtschaftlicher Situation

Drei unterschiedliche Einkommensgruppen

Gutes Auskommen (linkes Steinhäufchen): Hier handelt es sich um eine sehr kleine Gruppe im Dorf, deren Mitglieder in der Lage sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken und ihre Häuser mit Wellblech zu decken. Sie essen drei Mahlzeiten pro Tag und können sich neue Kleidung kaufen.

Durchschnittliches Auskommen (mittleres Steinhäufchen): Die Mehrheit der Dorfbewohner. Diese Menschen leben in der Regel in schlechten Wohnverhältnissen, ihre Nahrung ist von geringer Qualität und oft nicht ausreichend. Der Schulbesuch kann den Kindern nur mit Mühe ermöglicht werden. Kleidung ist vorhanden, kann jedoch nicht oft gewechselt werden.

Unsicheres Auskommen (rechtes Steinhäufchen): Hier handelt es sich um eine recht große Gruppe von Menschen, die in baufälligen Hütten leben (Grasdächer, durchlöcherte Lehmwände) und häufig um ihr Essen betteln müssen. Ihre Kinder besuchen keine Schule und sie haben keine vernünftige Kleidung. Angesichts dieser Tatsachen unterstützten wir KAWOSA durch das Mentoring-Programm dabei, geeignete Wege zu finden, um auch die anderen beiden Gruppen anzusprechen.

Ein neues Angebot für „hilfsbedürftige Gruppen“

KAWOSA hat daraufhin ein Angebot für „hilfsbedürftige Gruppen“ entwickelt. Diese Gruppen haben bis zu zehn Mitglieder, die weder Mitgliedsbeiträge bezahlen, noch Spareinlagen vorweisen müssen, um einen Kredit zu erhalten – durch diese Bedingungen war ihnen zuvor die Mitgliedschaft nicht möglich gewesen.

Anhand von vier Armuts-Indikatoren (unzureichende Versorgung mit Nahrung, schlechte Wohnverhältnisse, keine Nutztiere, kein Zugang zu Bildung und keine Gesundheitsfürsorge), die im Zuge der neuen Initiative entwickelt wurden, werden die Frauen nun ausgewählt. Jedes Gruppenmitglied erhält 50.000 TZ (ca. USD 30) für einen Zeitraum von drei Monaten. Nach Rückzahlung des Darlehens kann eine erneute Kreditvergabe erfolgen.

KAWOSA wird zum Beispiel für andere Genossenschaften

Der Erfolg war überwältigend. KAWOSA hat so über 2.000 arme und hilfsbedürftige Frauen erreicht, die vorher keinen Zugang zu den Finanzdienstleistungen der Genossenschaft hatten. Darüber hinaus hat KAWOSA zum Vorteil und Schutz der Kundinnen und Kunden eine Reihe von Verbesserungen in ihrem Angebot vorgenommen.

Der Erfolg von KAWOSA hat das Interesse von anderen Spar- und Kreditgenossenschaften in der Region geweckt. Der Berater von KAWOSA konnte daraufhin seine Erfahrungen an mehr als 20 Spar- und Kreditgenossenschaften in ganz Tansania weitergeben.

Anton mit Oikocredit-Koordinatoren für soziales Wirkungsmanagement und Mitgliedern von KAWOSA

Anton mit Oikocredit-Koordinatoren für soziales Wirkungsmanagement und Mitgliedern von KAWOSA

Unterwegs in Kambodscha: Gute Schule und Alltag im Stelzenhaus

In der nordwestlichen Provinz Banteay Meanchey gelangen wir über rote Sandpisten in das Dorf Kien Banteay (Gemeinde Prasat). In der Pagodenanlage steigen wir aus. Aus einem Gebäude klingen buddhistische Gesänge. Wir betreten eine offene, reich bebilderte Tempelhalle. Auf dem Boden sitzen gut zwanzig Frauen und zwei Männer und schauen vor zu ihrem … Lehrer. Was hier stattfindet, ist keine religiöse Zeremonie, sondern das landwirtschaftliche Training der Mikrofinanzorganisation (MFI) KREDIT für einige ihrer Kunden im Ort.

Kundenschulungen gehören zum Programm von KREDIT, einer der größten Mikrofinanzinstitutionen in Kambodscha: Finanzielles Grundwissen, landwirtschaftliche Bildung sowie Gesundheit und Kindererziehung heißen die drei Trainingsblöcke, auf die Kunden Anspruch haben. Noch funktioniert das Angebot nicht flächendeckend.

Gewinnferkel unterm häuslichen Dach

Nach der Schulung verlassen wir die Pagode, um im Dorf zwei Kunden-Familien zu besuchen. Wie überall im Land spielt sich auch bei der Familie von Yin Boeut (60) ein Großteil des häuslichen Lebens im Schatten unter dem typischen Stelzenhaus ab. Genau achten wir auf unsere Schritte. Unterm Haus ist nicht nur die große Familie unterwegs. Über den Erdboden zwischen Hängematten, Bettgestell und Geräten huschen ebenso Hunde, Küken und winzige Ferkel. Die Kuh ist tagsüber außer Haus, bei den fünf Hektar Reisfeld der Familie.

Yin Boeut und Teile ihrer Familie und Nachbarn vor ihrem Stelzenhaus in Kien Banteay

Yin Boeut und Teile ihrer Familie und Nachbarn vor ihrem Stelzenhaus in Kien Banteay

Strom gibt es in Kien Banteay aus Blockbatterien, eine Wasserpumpe teilt sich die Familie mit den Nachbarn, Toiletten existieren bisher nicht. Ein einfaches Dorf.

Yin Boeut hat derzeit ihr drittes Folgedarlehen von KREDIT und steht zwei Gruppen von Kreditnehmerinnen vor. Der neue „Kreditgegenstand“ räkelt sich riesig im hinteren Hausbereich. Es ist die Sau, die jüngst wieder 14 Ferkel geworfen hat. 150 Dollar kostete sie, rund 35 Dollar bringt jedes verkaufte Ferkel. Auch vom Gewinn der zwei bis drei Würfe im Jahr lassen sich die gut zehn Prozent Zinsen begleichen, die für einen halbjährlichen Individualkredit anfallen. 100 weitere Dollar wurden genutzt, um die Schlafstätte der Schweine zu betonieren. 250 Dollar sind viel Geld bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 930 Dollar im Land.

14 Ferkel brachte die Sau von Yin Boeut im jüngsten Wurf zu Welt

14 Ferkel brachte die Sau von Yin Boeut im jüngsten Wurf zu Welt

Mit früheren Darlehen schaffte sich die Familie unter anderem einen Handtraktor an. Sie investierte in die Viehzucht und den Reisanbau. Die Mikrokredite unterstützen den Ausbau landwirtschaftlicher Aktivitäten und ein wenig den häuslichen Komfort dieser Kleinbauernfamilie. Das entnehmen wir ihren Worten und unseren kurzen Eindrücken.

Mikrofinanz auf schwierigem Boden

Mikrofinanz hat in Kambodscha eine besondere Bedeutung. Die Roten Khmer, die während ihrer Schreckensherrschaft zwischen 1975 und 1979 etwa zwei Millionen Menschen ermordeten, hatten auch das Bankenwesen und jederlei Währung abgeschafft. Heute existieren neben Banken 35 von der Nationalbank lizensierte und beaufsichtigte MFI. Sie versorgen gut zehn Prozent der 14-Millionen-Bevölkerung mit Mikrokrediten.

Karl Hildebrandt

Oikocredit Förderkreis Nordost

Unterwegs in Kambodscha: Zu Besuch beim Oikocredit Partner KREDIT Microfinance

Wir fahren zu einer lokalen Filiale von KREDIT Microfinance Ltd., einer Mikrofinanzorganisation, die in fast allen Provinzen in Kambodscha präsent ist. Gegründet wurde sie 1998 von mehreren NGOs, heute sind die Eigentümer – aufgrund von regulatorischen Bestimmungen – zwei Banken.

Vor der Tür stehen mehrere Motorräder, mit denen die Mitarbeitenden die Kreditnehmenden aufsuchen. Wer schon einmal in Kambodscha war, weiß, welch wichtige Rolle Motorräder beim Transport besitzen: Fünfköpfige Familien finden darauf Platz, Körbe mit vielen Ferkeln oder ganze Schweine werden lebend transportiert. Manchmal sieht man gar nicht, wer da am Lenker sitzt, wenn Säcke mit leeren Plastikflaschen akrobatisch gestapelt, übereinander getürmt und festgezurrt werden…

Wirtschaftliche Beteiligung durch Kredite ist die Zielsetzung von KREDIT. Es werden hauptsächlich Kredite an Gruppen vergeben, deren Mitglieder, meist Nachbarn einer Dorfgemeinschaft, füreinander bürgen, aber auch Individualkredite, wenn sich ein Geschäft erfolgreich anlässt. Voraussetzung für die Auszahlung eines Kredits ist die Teilnahme an verschiedenen Schulungen, wobei viel Wert auf die „financial literacy“ gelegt wird, d. h. die Fähigkeit, mit Geld umzugehen. Daneben bietet KREDIT auch weitere freiwillige Kurse an, die sich mit Themen zur Gesundheit, Ernährung oder Tierhaltung beschäftigen.

KREDIT schult ihre Kundinnen und Kunden über die Haltung von Hühnern.

KREDIT schult ihre Kundinnen und Kunden über die Haltung von Hühnern.

Nach einem ersten Eindruck in der kleinen Filiale dürfen wir bei einer solchen Schulung dabei sein. In einer offenen Halle einer Pagode treffen wir auf ca. 30 Personen, überwiegend Frauen, die sich über eine optimale Haltung von Hühnern und die eigene Futter informieren. Fasziniert beobachten wir den Kursleiter, der mit Zeichnungen und einer anschaulichen Vorführung der Mischverhältnisse die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden fesselt.

Anschließend teilt sich unsere Besuchergruppe noch einmal auf, um in kleineren Gruppen Endkundinnen zu besuchen. Nach einer kurzen Fahrt über eine nicht asphaltierte Straße kommen wir zu Phen Mum. Sie ist 25 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Mit einem Kredit von 200 USD (ungefähr 150 EUR) hat sie Saatgut und Dünger erworben für den Anbau von Auberginen, die sie im Dorf und auf dem Markt in Siem Reap verkaufen kann.

Phen Mum auf ihrem Auberginen-Feld (Foto:Claudia Berg)

Phen Mum auf ihrem Auberginen-Feld (Foto:Claudia Berg)

Im Gespräch mit Phen Mum wird klar, dass der Verkauf von Auberginen nur einer von mehreren Bausteinen im Familieneinkommen ist. Da sie über kein eigenes Land verfügen, arbeiten Phen Mum und ihr Mann während der Pflanz- und Erntezeit in den Reisfeldern. Gleichzeitig hat Phen Mum noch einen kleinen Zusatzverdienst, weil sie auf das Grundstück und Gebäude einer Kirche aufpasst, auf deren Gelände sie auch die Auberginen anbaut. Ihr Ehemann leistet durch das Sammeln und Verkaufen von Plastikflaschen einen Beitrag zum Überleben der kleinen Familie.

„Or-kun (Danke), Phen Mum“ für diesen Einblick in eine Familienökomonie, die sicher typisch für viele Menschen in Kambodscha ist.

Franziska Dickschen
Oikocredit Förderkreis Niedersachsen-Bremen

Unterwegs in Kambodscha: Zu Besuch bei einer Mikrofinanz-Schulung von Chamroeun

„Was sind überflüssige und was notwendige Ausgaben?“ 20 Frauen und ein Mann in der offenen Halle der MFI versuchen mit großem Eifer und viel Gelächter die Frage der Chamroeun-Beraterin zu beantworten. Wir sind zu Gast bei einer der regelmäßig angebotenen Trainingsstunden der kambodschanischen Mikrofinanzinstitution (MFI) Chamroeun.

Die Beraterin hat zuvor die Geschichte einer Frau erzählt, die mit dem Darlehen, das sie just erhalten hat, in die Stadt fährt. Sie kauft Stoff für ihr Geschäft, aber auch eine Menge anderer Dinge. Zigaretten für ihren Mann beispielsweise. Am Ende ist alles Geld weg. Anhand von Bildkarten diskutieren die Frauen in Kleingruppen, bei welchen Ausgaben die Frau hätte sparen können, um mit ihrem Kredit sinnvoll zu wirtschaften.

Financial Literacy Training in Kompong Khleang

Financial Literacy Training in Kompong Khleang

Oberstes Ziel von Chamroeun ist, die Lebenssituation der armen Bevölkerung in Kambodscha zu verbessern. Zu diesem Zweck hat Chamroeun u.a. ein dichtes Beratungsangebot entwickelt.

Die Finanzdienstleistungen sind sehr genau auf die Bedürfnisse der KundInnen ausgerichtet. Um die Wirkung ihrer Arbeit zu messen und Veränderungen im Leben der DarlehensnehmerInnen zu erfassen, hat die MFI eigene Analyseinstrumente geschaffen.

Mikrofinanz ist für Chamroeun ein ganzheitliches Angebot an arme Menschen, um ihnen ein Leben in Würde und Selbstachtung zu ermöglichen. „Ja, ich bin sehr zufrieden mit meinem Darlehen,“ sagt Ouk Kim Sen, die mit ihrem ersten Kredit eine Suppenküche am Fluss eröffnet hat. „Ich hätte gern einen weiteren Kredit aufgenommen, aber mit meinem Mann zusammen habe ich entschieden, dies erst nach der Regenzeit zu tun. Denn während der Überschwemmungen sind die Verdienstmöglichkeiten nicht so gut.“

Ulrike Chini
Oikocredit Westdeutscher Förderkreis

Unterwegs in Kambodscha: Zu Besuch bei Chamroeun

Das Mikrofinanzinstitut Chamroeun Microfinance Limited besuchte ich anlässlich der internationalen Oikocredit-Generalversammlung in Kambodscha. Das Institut existiert seit fünf Jahren und ist eines der kleineren, die Oikocredit in Kambodscha unterstützt. Es erhielt 2012 ein Oikocredit-Darlehen von 385.000 Euro. 213 Mitarbeiter betreuen 41.489 Kunden in 2969 Dörfern. Neben Mikrokrediten bietet Chamroeun auch Schulungen in finanzieller Grundbildung. Schwerpunkte der Kurse sind Sparen, Budgetführung und die Vermeidung von Überschuldung.

Ratana Kong, Manager für sozio-ökonomische Belange bei Chamroeun, und Ouk Kim San, Kundin von Chamroeun

Ratana Kong, Manager für sozio-ökonomische Belange bei Chamroeun, und Ouk Kim San, Kundin von Chamroeun

Das Projekt, das wir besuchen, liegt 30 Kilometer von Siem Reap entfernt. Kompong Khleang ist mit 30.000 Einwohnern das größte Fischerdorf am Tonle Sap Lake, dessen Wasserspiegel jährlich während der Regenzeit um 10 Meter ansteigt und zur Trockenzeit wieder fällt. Daher leben und arbeiten die Menschen im Einklang mit dem Ökosystem, während der Regenzeit auf Booten und nur in der Trockenzeit auf dem Land, und verdienen ihren Lebensunterhalt durch Fischen. Zurzeit gibt es hier 400 Menschen im Dorf, die Kredite erhalten.

Zu ihnen gehört Frau Ouk Kim San, die wir am Ufer des Sees besuchen. Noch liegt ihr Boot auf dem Trockenen, denn die Regenzeit hat gerade erst begonnen. Sie betreibt eine Suppenküche, mit der sie die Fischer und andere Kunden täglich versorgt. In einem großen Metallkessel kocht sie frische Zutaten vom Markt. Die schmackhafte Suppe verkauft sie für umgerechnet 0,75 Euro an ihre Kunden. Um ihr Geschäft auszuweiten, hat Ouk Kim San einen Mikrokredit über 150 Dollar erhalten, den sie mit Raten von 20$ im Monat zurückzahlt. Die Zinsen zahlt sie dabei nur auf die ausstehende Summe, sodass mit der Laufzeit die Zinsbelastung abnimmt.

Ouk Kim San zeigt mir ihre Suppenküche

Ouk Kim San zeigt mir ihre Suppenküche

Neben der frisch gekochten Suppe verkauft sie auch Trockensuppen, die mit heißem Wasser aufgebrüht ebenfalls eine schmackhafte Mahlzeit ergeben und für die Kunden gedacht sind, die weit draußen auf dem See fischen und ihre Suppenküche nicht erreichen können, die zur Regenzeit mit Kochtopf und Feuer auf dem See schwimmt.

Gerhard Bissinger
Vorstand Oikocredit Förderkreis Norddeutschland

Unterwegs in Kambodscha: Zu Besuch bei AMK

Im Rahmen der Generalversammlung besuchte ich mit anderen Delegierten Angkor Mikroheranhvatho Kampuchea (AMK), eine aus einer irischen Nichtregierungsorganisation entstandene Mikrofinanzinstitution, die 2004 ihre offiziellezielle Lizenz erhielt. Heute hat AMK Filialen in nahezu allen Provinzen Kambodschas und bedient über 300.000 Kunden, knapp 90 Prozent Frauen. Mehr als die Hälfte der Kunden leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Knapp 95% der vergebenen Mikrokredite liegen unter 300 US$.

Banking vor der Haustür

Nach dem Motto ,Banking direkt vor der Haustüre’ werden die Mikrofinanzgeschäfte vor Ort in den Dörfern der Kunden getätigt. Genau so lernten wir die Arbeit von AMK kennen: Wir besuchten eine dieser ,Dorfbanken’. Der ,Loan Officer’ und zehn Kundinnen erwarteten uns. Was sofort auffiel, war, dass es kein Gebäude gab, in dem die Finanztransaktionen hätten stattfinden können.

Finanzgeschäfte im mobilen Büro unterm Haus

Banking direkt vor der Haustüre ist wörtlich zu verstehen. Das Büro, bestehend aus einem Tisch und wenigen Stühlen, wurde unter dem Haus einer Kundin errichtet. Die meisten Kundinnen tätigten Rückzahlungen. Der Reihe nach gingen sie mit ihrem Buchungsheft und dem jeweiligen Betrag zum Loan Officer, der an dem bereitgestellten Tisch saß und die Rückzahlung eintrug.

…und via Handy

Zusätzlich zu den verschiedenen Mikrokreditprodukten, die auf die Bedürfnisse der Kundschaft zugeschnitten sind, bietet die AMK auch eine Reihe von Sparprodukten. Eine Neuheit, die die AMK derzeit einführt und die in einigen Provinzen Kambodschas in der Pilotphase steckt, nennt sich Mobile-Banking.

Wir hatten die Chance, während unserer Tour eins dieser Pilotprojekte zu besuchen. Durch das Mobile-Banking wird es den Kunden erleichtert, Geld einzuzahlen, abzuholen oder zu überweisen. Angestellte der AMK Bank sind dazu mit einem Mobiltelefon ausgestattet, das mit einem speziellen Programm arbeitet. Die Angestellten sind sozusagen mobile Geldautomaten. Dadurch können Kundinnen und Kunden in ländlichen Regionen beispielsweise schnell auf ihr Gespartes zurückgreifen, oder es ermöglicht Kambodschanern, die in Thailand arbeiten, in einer AMK-Filiale an der thailändisch-kambodschanischen Grenze Geld an ihre Familien zu überweisen.

Daniel Sommer
Vorstandsmitglied
Oikocredit Westdeutscher Förderkreis



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