Bolivien: Cooperativa Integral de Cochabamba

Vergangene Woche hatte ich die Gelegenheit, drei Oikocredit-Partner in Cochabamba, der drittgrössten Stadt des Landes, zu besuchen, um das Sozialmonitoring mit diesen Institutionen abzuschliessen und einen Einblick in deren Prozesse zu bekommen. Insbesondere die Cooperativa Integral de Cochabamba bot dabei einige bemerkenswerte Charakteristiken.

Cochabamba liegt auf ca. 2600m im Valle Alto (“hohes Tal”). Am anderen Ende dieses Tales, ca. 45 Auto-Minuten entfernt, liegt die Kleinstadt Punata. Für die umliegenden Dörfer und sogar die jeweils über 400 km entfernten Grossstädte La Paz und El Alto ist sie kommerzieller Umschlagplatz für Vieh und Agrarprodukte. In diesem Umfeld wurde 1977 von Einwohnern der Gemeinde die oben genannte Kooperative gegründet mit dem Ziel, die umliegenden Dörfer in die Wirtschaftszyklen zu integrieren und zur produktiven Entwicklung der Region beizutragen. Bis heute wohnen 30% der Genossen in sehr abgeschiedenen Regionen, die von keinen weiteren Mikrofinanzinstituten erreicht werden.

Die Kooperative vergibt ihre Kredite seit dem Gründungsjahr vorzugsweise an Bauern. Diese widmen sich entweder dem Anbau traditioneller Agrarprodukte wie Kartoffeln und Mais, oder aber der Aufzucht von Hühnern, Schweinen und Milchkühen. Die Kreditkonditionen sind dabei äusserst attraktiv und werden durch die technische Unterstützung der Institution über das Angebot von Futtermitteln, medizinsiche Versorgung des Viehs, Pestiziden und Gerätschaften flankiert. Die Inanspruchnahme der genannten Unterstützung wird wiederum durch günstige Kredite erleichtert. Bei konventionellen Anbietern der genanten Produkte hätten die Genossen der Kooperative grosse Probleme, an die dringend benötigte Ware zu kommen.

Basisgruppen-Sitzung mit ca. 100 Teilnehmern

Die mittlerweile 3500 Mitgleider der Einrichtung sind alle auch gleichzeitig deren Eigentümer. Dies impliziert sowohl Pflichten, als auch Rechte. Zu ihren Ansprüchen gehört u.a. das Recht auf Mitsprache in der Entscheidungs- findung der gesamten Kooperative. Neben einer jährlichen Haupt- versammlung kommen die Mitlgieder zusätzlich in sog. GABs (Basisgruppen) einmal pro Monat zuammen. Die Institution ist in insgesamt 48 dieser Gruppen unterteilt, welche stark an deutsche Vereine erinnern. Die Gruppen sind geographisch begrenzt (Wohnstätten der Mitlgieder in einem Radius von 2 km) und suchen in ihren monatlichen Sitzungen gemeinsam Wege, die Herausforderungen an die Gruppe und die Kooperative als Ganze anzugehen (z.B. Absatzprobleme, Preis- und Klimaschwankungen etc.). Jede GAB wird durch einen technischen Mitarbeiter der Kooperative betreut und durch einen vierköpfigen Vorstand repräsentiert. Diese Organisationsstruktur ist in Bolivien einmalig und hat sich auch vor dem Hintergund von Zahlungsverzögerungen als wirsamer, sozialer Mechanismus bewährt.

Schliesslich antwortete die Kooperative 1996 der risikoreichen Abhängigkeit ihrer Milchbauern von externen Weiterverarbeitern mit der Inbetriebnahme einer eigenen Milchfabrik. Während zu Beginn nur 300 Liter Milch verarbeitet werden konnten, reichten ihre Produktionskapazitäten durch den Ausbau der und Investitionen in die Fabrik zeitweise bis zu 20.000 Litern am Tag. Die der Kooperative angehörenden Milchbauern geniessen dabei eine volle Abnahmegarantie ihrer Milch, die durch zwei LKWs der Institution täglich abgeholt werden. Das Risiko der Weiterverarbeitung und Verkaufes der Endprodukte wird somit auf die Schultern aller Genossen verteilt.

Kooperativeneigene Milch-Verarbeitungsanlage

Milchprodukt für lokales Schulfrühstück

 

 

 

 

 

 

 

 

Besonders interessant war für mich die Beobachtung gewisser Defizite. Neben einigen Schwierigkeiten in der Ausbildung ihres Personals und der Fortbildung ihrer Mitglieder, hat die Kooperative insbesondere mit dem Absatz ihrer Milchprodukte zu kämpfen. Fehlendes Marketing, fehlendes Personal und eine starke Arbeitskonzentration auf wenigen Personen im Mangement gehörten zu den zentralen Beobachtungen. Entsprechende Empfehlungen werden nun im Abschlussbericht des Sozialaudits aufgenommen. Eine dieser Empfehlung ist beispielsweise eine verstärkte Kooperation mit Oikocredit in Sachen Aus- und Weiterbildung des Personals und die Belebung einer Marketingstrategie für die Milchprodukte. Die Erkenntnis, dass der Erfolg einer Investition in Mikrofinanzinstitute massgeblich durch deren institutionelle Stärkung mittels Weiterbildungsmassnahmen abhängt, bringt Oikocredit dazu, Defizite wie die beschriebenen über entsprechendes Monitoring auszumachen und im Idealfall über eine verstärkte Zusammenarbeit zu beheben. Die Cooperativa Integral de Cochabamba gibt hier ein Paradebeispiel dafür ab, wie man über relativ leichte Anpassungen einen grossen Beitrag zur Integration und Entwicklung marginalisierter Menschen und Regionen leisten kann.

Lukas Bäuerle

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