Senegal in Kurdistan oder alles für eine Mango-Fabrik in der Casamence

Jeden Abend haben sie berichtet, die beiden „Ulrikes“, life aus dem Senegal. Mein Beitrag kommt da dagegen mit Verspätung – aus Kurdistan, dem friedlichen Teil des Irak, wo es mich gleich nach der Studytour beruflich hin verschlug. Und wo Oikocredit gar nicht vertreten ist.

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Auch ein islamisches Land und doch so ganz anders als der Senegal: heute, am Freitag ist hier „Sonntag“ – alles ruht. Anders im Senegal – dort freut man sich am Freitag aufs Wochenende, auf Samstag und Sonntag. Hier in Erbil hilft keine europäische Sprache – in Dakar war mit französisch alles möglich. Auf dem Land zwar auch nicht immer, da war dann teilweise Wolof gefordert; oder Sprachen aus anderen Ländern der Region, da man auf viele Migranten trifft.

Hier in Erbil sieht man zwar so gut wie keine verschleierte Frauen, die meisten aber mit Kopftuch und sich eher im Hintergrund haltend. Wenn dann in Arbeitstreffen auch Vertreterinnen aus Bagdad dabei sind, wird es noch „strenger“ und ich noch vorsichtiger beim Kontakt-Aufnehmen. Anders im Senegal: schauen Sie sich die Bilder von unserem Besuch der Mango-Fabrik an: farbenprächtig gekleidet, auf mich feierlich wirkend, stolz und von einem Moment in den anderen in eine tänzerische Bewegung übergehend.Casamence 3_FactoryReception 022_2

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Meine Gruppe in der Studytour war also in der Casamence unterwegs; das ist der ganz südlich gelegene Teil des Senegal, wo viel Armut herrscht. Durch Gambia vom nördlichen Senegal und damit auch der Hauptstadt Dakar getrennt; das macht das Leben und Wirtschaften nicht einfacher. Und schon gar nicht den Handel mit dem Haupt-Wirtschaftszentrum. Da scheinen die „Einstiegspfade“ zum direkten Verkauf verbaut bzw. in festen Händen. Die Mangofabrik musste daher einen europäischen Partner finden für ihre Produkte. Sonst hätte sie an einen Zwischenhändler verkaufen müssen mit wohl horrenden Gewinnspannen. Nur so lässt sich erklären, was Sambou Coly, der Oikocredit-Vertreter im Senegal uns erläutert: „Bisher haben die Bauern ihr Feld zum Abernten verkauft „wie gesehen“ mit einem Erlös von durchschnittlich 0.15 CFA pro Kilogramm Mango. Die neue Fabrik zahlt den Bauern 100 CFA pro Kilo für ihre Mangos, allerdings bereits geerntet – ab Feldrand.“ Außerdem gibt es so viele Mangos, dass sie zu einem Großteil auf den Bäumen vergammeln – einen Abnehmer zur Weiterverarbeitung zu Trockenobst gab es bisher nicht für diese Bauern.

Diese Situation hat Oikocredit und Sambou handeln lassen. Der Zusammenschluß von 19 „Gemeinde-Versammlungen“ aus der Region zu einer Kooperative der Mangobauern wurde von Oikocredit angeregt und unterstützt. Diese Kooperative, Oikocredit und ein dritter Partner haben dann die Fabrik finanziert; Oikocredit steuert noch einen Kredit über 300 000 Euro bei.

So werden die Bauern die nächste Ernte im April an die Fabrik liefern; es werden zum einen die frischen Früchte nach Europa vermarktet, dann aber noch zusätzlich Trockenfrüchte produziert werden. So können die Bauern mehr von ihrer Ernte verkaufen; es verfault weniger auf den Bäumen.

Oikocredit unterstützt über den Partner U-IMCEC auch Kleinbauern und Kleinstbetriebe mit Mikrokrediten; Sambou hat aber festgestellt, dass es hier – wie übrigens oft – an angemessen zahlenden Abnehmern fehlt und stellt daher fest: „Wir denken zunehmend in Wertschöpfungs-Ketten. Wir finanzieren Kleinkredite über unsere Partner, aber eben auch ein größeres Unternehmen, das letztendlich erst die Abnahme der Mangos und ein wirtschaftliches Arbeiten für die Bauern ermöglicht.“

Ganz nebenbei entstehen dabei noch 150 Arbeitsplätze in der Fabrik – zunächst einmal nicht für das ganze Jahr. Aber auch daran wird gearbeitet: In fast jeder der beteiligten 19 Gemeinden gibt es Frauen-Kooperativen; diese besitzen Land, das wie ein riesiger Schrebergarten ohne Zäune und Abgrenzungen von allen Frauen genutzt wird. Sie haben ein Nutzungsrecht, kein Eigentum – das heißt, falls eine Frau wegziehen sollte, kann sie das Land nicht verkaufen, sondern es wird dann an eine andere Frau zur Nutzung übergeben.

CasamenceRetour046_5 CasamenceRetour038_6 Hier werden Karotten, Bohnen, hauptsächlich eben Gemüse angebaut – für den Eigenbedarf. Aber nicht nur. Es wird auch in den Dörfern, an den Straßen verkauft. Aber auch hier verfault ein Großteil der Ernte, da eben alle Karotten gleichzeitig reif sind. Hier wird die Fabrik im zweiten Schritt als Abnehmer auftreten – das überschüssige Gemüse verarbeiten und vermarkten.

Beeindruckend – die Wirkung dieser Fabrik. Beeindruckend aber auch, mit welcher Ausdauer das Projekt von Sambou betrieben wurde und wird. Seit 2005 ist er an diesem Projekt dran, ohne am Anfang, bei der Unterstützung der Bildung der Kooperative der Mangobauern, genau zu wissen, dass am Ende mal diese Fabrik stehen würde. Und so wurde aus unserem Besuch – wir waren wohl als die Investoren aus Europa und den USA angekündigt worden – so etwas wie ein Eröffnungsfest der Fabrik:

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Solche Investitionsprojekte erfordern sehr viel Betreuung und Engagement der Oikocredit-Mitarbeiter vor Ort. Mein Eindruck deshalb: die Kombination aus Mikrokrediten und sorgfältig ausgewählten einzelnen Investitions-Projekten, möglichst wie hier unterstützt von genossenschaftlichen Strukturen, ist eine sinnvolle Vorgehensweise.

Jetzt werde ich mich aufmachen in Richtung Zitadelle, zu einem schönen alten Café dort und meinen Cay genießen.

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Jörg Wittig

Studienreise Senegal: Thiacry – das gesunde Frühstückchen

Letzte Station unserer Studienreise – die Joghurtfabrik. Das Firmengelände liegt am Rande von Dakar. Unser Bus fährt vorbei an Marktständen und einem bunten Durcheinander von Farben und Menschen. Dann biegt er in eine Einfahrt ein und wir steigen im Innenhof eines sauberen Firmengeländes aus. “Les Mamelles Jaboot” ist ein mittelständischer Familienbetrieb mit knapp 100 Angestellten. Hier lernen wir den Thiacry-Joghurt kennen. Das traditionelle Frühstücksprodukt ist eine gesunde Mischung aus Naturjoghurt und Hirse-Couscous. Wie wir bei der Verkostung feststellen, ist er nicht nur cremig süß, sondern auch äußerst habhaft.

Pierre Ndiaye

Pierre Ndiaye sind gesunde Ernährung und nachhaltige Entwicklung wichtig.

Der Firmenchef Pierre Ndiaye hatte die Joghurtproduktion vor 15 Jahren in seiner Küche angefangen. 25 kg am Tag. Inzwischen produziert das Unternehmen im Dreischichtbetrieb über 10.000 kg Joghurt. Vanillegeschmack ginge am besten. Abgepackt in handlichen 100g Plastikbeuteln wird er an 1.200 Geschäfte ausgeliefert. In großen Eimern geht er an Kantinen. Antoine, der Sohn des Inhabers,  hat als studierter Ingenieur die Produktionsleitung übernommen. Er zeigt uns Gebäude, Verpackungsmaterial, die Produktionskette und die Abfüllanlage.

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1.200 Joghurtbeutel werden hier pro Stunde abgefüllt.

Oikocredit finanziert les Mamelles Jaboot seit 2011. Der Kredit über rund 380.000 Euro wurde für Transporter, Möbel und neue Maschinen für Verpackung und Etiquettierung gebraucht. Und für Betriebskapital, um zahlungsfähig zu sein. Wie Pierre Ndiaye zu Oikocredit gekommen sei? Über eine Empfehlung. Es klingt nach Buschfunk.

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Ulrike Haug macht die Geschmacksprobe.

In einem Verwaltungsraum im ersten Stock haben sie für uns Stühle aufgestellt und Joghurts zum Probieren vorbereitet. Wie alles anfing? Die Firmengeschichte und aktuelle Zahlen werfen sie mit einem Beamer an die Wand. Dann beginnt Pierre Ndiaye zu erzählen, von seiner Motivation, von seinen idealistischen Zielen. Eine nachhaltige Entwicklung im Senegal strebe er an. Ein besonders großes Anliegen sei, dass Kinder und Familien wieder zu einer ausgewogenen Ernährung mit regionalen Produkten finden. Eine typische Mahlzeit hier am Rande der Sahelzone bestehe aus Joghurt und Getreide. Mit dem Thiacry wollte er den Städtern wieder traditionelle Grundnahrungsmitteln zugänglich machen. Zur Sensibilisierung hat er mehr als 25.000 Frühstücke an Schulen verteilen lassen.

Zudem wolle er durch die Verarbeitung von traditionellen Getreidesorten die einheimische Landwirtschaft stärken. Mehr Arbeitsplätze für Frauen sollen in der Getreideverarbeitung geschaffen werden. Allein für die Herstellung von Hirsekügelchen werden in seiner Firma 15 Frauen beschäftigt. Das ist ausbaufähig und er hat bereits ein Pilotprojekt in der benachbarten Stadt Thiès am Start. Weitere sollen folgen.

Als sozialer Unternehmer hat er auch das Wohl seiner Angestellten im Blick. 25km entfernt vom jetzigen Firmensitz gibt es ein 40.000 Quadratmeter großes Gelände. Dort sollen eine neue Fabrik und Häuser für die Mitarbeiter gebaut werden .

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Les Mamelles Jaboot versteht sich als “Familienernährer”. Am Verwaltungsgebäude hängt ein großes Transparent. In großen roten Lettern steht darauf geschrieben “Eine andere Welt ist möglich”. Das ist die Überzeugung von Pierre Ndiaye. Er möchte eine Welt ohne Hunger und Arbeitslosigkeit. Dafür setzt er sich als Unternehmer ein und Oikocredit begleitet ihn dabei.

Ulrike Pfab

Oikocredit Förderkreis Baden-Württemberg

Studienreise Senegal: Wasser marsch!

Pelikane

Der Djoudj-Park ist ein einzigartiges Naturspektakel.

Der Tag steht ganz im Zeichen des Wassers. Früh morgens rückt unser Bus schon aus. Es geht über holprige Sandpisten, in Richtung Djoudj-Nationalpark, dem drittgrößten Vogelreservat der Welt, im Norden Senegals gelegen. Noch ist die Temperatur angenehm. Die Bootsfahrt in die unglaubliche Vielfalt und Fülle der Vogelwelt – darunter viele seltene Zugvögel aus Europa – ist gigantisch. Pelikane so weit das Auge reicht. Fischadler, Kormorane, Silberreiher und Co. Als wir uns den riesigen Ansammlungen von Flamingos mit unseren Ferngläsern nähern, flimmert die Luft bereits in der Nachmittagshitze. Wir bekommen eine schwache Vorahnung, wie die Hitze der noch kommenden Monate das Land versengen wird.

Wasser bedeutet Leben. Für Menschen, Tier und Landwirtschaft. Im Senegal leben zwei Drittel der Bevölkerung von der Landwirtschaft, sie erwirtschaften meist aber nur geringe Erträge. Zum Teil so kleine Mengen, dass es zum Leben nicht reicht. Dies erfuhr auch die kleine Agrargenossenschaft “Adu Thielène”, die unweit vom Vogelpark liegt. Die rund 300 Mitglieder haben seit 2011 einen Kredit von Oikocredit. Denn Oikocredit finanziert nicht nur Mikrofinanzinstitutionen, sondern auch landwirtschaftliche Kooperativen. Bis zur großen Krise kurz nach der Jahrtausendwende lebten sie vom Hand in den Mund. Sie säten aus und warteten bis Regen oder der vorbeifließende Fluss Senegal über die Ufer trat und die Felder überflutete. Zum Schluss teilen sich bis zu zehn Bauern ein Feld. Die Erträge pro Familie sanken immer mehr.

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Ein Bewässerungssystem für Reis- und Tomatenfelder soll die Erträge steigern.

Sie erkannten, dass sie gemeinsam handeln mussten, wenn sie überleben wollen. Daher legte das gesamte Dorf zusammen, um ein Bewässerungssystem für ihre Felder zu bauen. Doch selbst gemeinsam konnten sie nicht genügend Geld aufbringen. Sie brauchten einen weiteren Investor und fanden Oikocredit. Auf Initiative von Oikocredit wurde zusätzlich die Rabobank Foundation mit ins Boot geholt, die das Vorhaben Adu Thielènes mit einem Zuschuss unterstützte. Mit dem Geld grub die Genossenschaft Kanäle, kaufte Pumpen und baute einen geschützen Lagerraum für ihren Reis.

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Die Frauen machen einen Großteil der Feldarbeit. Sie erwarteten bereits mit Ungeduld unseren Besuch.

“Oikocredit hat uns mehr als Geld gebracht. Heute sind wir alle sehr stolz, Mitglied bei Adu Thielène zu sein”, so Amadou Kane, der ehrenamtliche Schatzmeister der Genossenschaft. Im Gespräch erfahren wir, wie sehr ihnen die Weiterentwicklung der Region am Herzen liegt. Es soll immer genug zu essen geben. Den Kindern und Jugendlichen wollen sie im Dorf eine lebenswerte Zukunft bieten. Der Erlös der Tomatenernte, die in einer nahe gelegenen Fabrik zu Tomatenkonzentrat verarbeitet wird, hilft ihnen dabei.

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Guile Diol, die Präsidentin der Frauengruppe, sorgt sich vor allem um die Zukunft der Kinder.

Wieder beeindruckt mich die Entschlossenheit und die Solidarität der Menschen. Und die Vielfalt der Aufgaben, die sie im Alltag schultern. Der Abschied ist herzlich – auch ohne große Worte. Wir haben nur wenig Zeit miteinander verbracht, aber deutlich gespürt, wie viel uns verbindet.

Ulrike Pfab

Oikocredit Föderkreis Baden-Württemberg

Studienreise Senegal: Der zurückgekehrte Immigrant

Wir fahren weiter zu Saliou Diop (47), einem weiteren Kunden des Oikocredit-Partners U-IMCEC. Auf dem Weg zu ihm bietet sich uns ein trostloser Anblick, ein ganzes Viertel von Kaolack ist von Müll und Plastiktüten bedeckt, der Boden ist kaum zu sehen. An den Müll entlang der Straße haben wir uns inzwischen fast schon gewöhnt, aber die Massen, die wir hier inmitten eines Wohnviertels sehen, schockieren uns dennoch.

Saliou bittet uns in seinen Hof, hier ist von Müll und Plastiktüten nichts mehr zu sehen und zu riechen. Stattdessen riecht es nach Hühnerstall, denn Saliou betreibt eine Hühnerzucht mit 2.000 Hühnern.

Salious Geschichte ist eine besondere, wenn auch für den Senegal eine nicht ungewöhnliche: 1989 wanderte er nach Spanien aus, um dort zu arbeiten. 20 Jahre lang lebte er dort und schickte regelmäßig Geld nachhause. „Ich habe meiner Familie Geld gegeben, um zwei kleine Läden aufzubauen“, erzählt er mir. „Aber das hat nicht funktioniert, weil ich mich selbst nicht darum kümmern konnte. Als ich 2009 zurück kam, war von den Läden nicht mehr viel übrig.“

Im Gespräch mit Saliou Diop

Aida Guèye (Mitte) von Oikocredit Westafrika übersetzt für Saliou und mich.
Foto: Jan Groenewold

In Spanien hatte er in einer Fabrik gearbeitet, die Tierfutter herstellt. So kam ihm die Idee, selbst eine Tierzucht starten. Er brachte Erspartes aus Spanien mit, das er bei zwei kommerziellen Banken anlegte. Dort zog er sein Geld aber bald wieder ab und legte es bei U-IMCEC an, weil dort die Konditionen besser waren. Seit 2010 hat er drei Kredite bei U-IMCEC aufgenommen und bisher immer vor der Frist zurückgezahlt.

Was für Saliou wichtig ist: U-IMCEC bietet ihm eine sogenannte „grace period“, d.h. er muss erst anfangen den Kredit zurückzuzahlen, wenn die Hühner, die er gekauft hat, auch anfangen Eier zu legen.

Mit den Krediten von U-IMCEC konnte er seine Aktivitäten auch diversifizieren: Er hat neben der Hühnerzucht auch eigenes und gepachtetes Land, das er bewirtschaftet. Dort baut er Erdnüsse, Mais, Sesam und Hirse an. Und er kauft von anderen Kleinbauern Erdnüsse auf, die er dann schält und an eine Fabrik weiterverkauft, die Erdnüsse verarbeitet. Für die Hühnerzucht hat er zwei Mitarbeiter angestellt und für die Feldarbeit beschäftigt er bis zu 20 Saisonarbeiter. Bevor er die Kredite aufnahm, hatte er nur einen Mitarbeiter.

Saliou Diop

Saliou Diop in seinem Hühnerstall.
Foto: Jan Groenewold

Nach der Besichtigung der Hühnerställe verabschiede ich mich auf Spanisch von Saliou, worüber er sehr lachen muss. Ich bin sehr froh, von Saliou erfahren zu haben, dass es Immigranten gibt, die aus Europa zurückkehren und in ihrer Heimat investieren und Arbeit schaffen.

Dass das nicht selbstverständlich ist, habe ich von Binta erfahren, die wir zufällig getroffen haben. Sie verkauft selbstgemachten Schmuck an Touristen. Wir kamen mit ihr ins Gespräch und besuchten sie zuhause. Ihr Mann ist seit zehn Jahren in Spanien, seit anderthalb Jahren schickt er kein Geld mehr und lässt nichts mehr von sich hören. Wir wissen um die schwierige wirtschaftliche Situation in Spanien und können uns vorstellen, dass er vielleicht keine Arbeit mehr hat.

Für Binta ist es unverständlich, dass jemand in Europa kein Geld mehr haben sollte. Sie vermutet, dass ihr Mann eine Spanierin geheiratet hat (auch um an Papiere zu kommen), nun eine neue Familie hat und von ihr und ihrem Sohn nichts mehr wissen will. Dennoch resigniert sie nicht. „Ich will mich entwickeln“, sagt sie uns. Sie leitet eine Frauengruppe in ihrem Dorf und hat viele Pläne und Ideen. Sie möchte einen kleinen Laden eröffnen, denn während der Regenzeit kommen keine Touristen und sie braucht eine andere Einkommensquelle. Wieder einmal sind wir beeindruckt von soviel Elan, Energie und Zuversicht, mit der uns die Menschen hier trotz widriger Umstände begegnen.

Ulrike Haug
Oikocredit Deutschland

Studienreise Senegal: Abys Babynahrung

Gemeinsam mit dem U-IMCEC-Filialleiter von Kaolack, Abdou Aziz Kane, fahren wir weiter in unserem aufgeheizten Kleinbus zu Aby Ndao. Die 50-jährige Mutter von fünf erwachsenen Kindern hat von U-IMCEC zwei Kredite für ihr Kleinstunternehmen erhalten. Zusammen mit ihrem Sohn und 4 Mitarbeitern verarbeitet sie Getreide zu Mehl, Couscous und Thiakry (Kügelchen aus Hirsemehl), das wir jeden Morgen mit Jogurt zum Frühstück genießen.

Stolz zeigt uns Aby ihre beiden kleinen Maschinen, mit denen sie die Hülsen von den Körnern trennt und mahlt. Sie erklärt uns im Detail, wie der Prozess genau funktioniert. Nur Pierre aus Paris, ein Ingenieur im Ruhestand, kann ihr genau folgen.

Aby Ndao

Aby Ndao vor einer ihrer Maschinen. Sie werden vor Ort von Maschinenbauern produziert, die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) geschult wurden. Foto: Jan Groenewold

Im nächsten Raum sehen wir ihre Palette an Produkten. 12 verschiedene Produkte sind es, abgepackt in kleinen Tüten. Ein besonderes Produkt ist „Farine Yaye Aby“, eine Mischung aus verschiedenen Getreidesorten, Erdnüssen, Zucker, Salz, Erndussöl und Palmöl. Das Mehl wird mit Wasser zu einem Brei angerührt, der besonders nahrhaft ist und daher vor allem für Babys geeignet ist.

Wir fragen sie, wie ihr die Idee kam für den Babybrei. Sie erzählt uns, dass sie dieses Produkt in Mali gesehen habe und ihr die Idee kam, es auch im Senegal anzubieten. Es gab wohl vorher schon Versuche ein ähnliches Produkt im Senegal einzuführen, allerdings ohne Erfolg. Wir fragen nach, erfahren aber nicht genau, warum. Manchmal ist die interkulturelle Kommunikation mit zwischengeschalteten Übersetzern nicht ganz einfach.

Wir verstehen allerdings, warum ausgerechnet Aby mit dem Produkt erfolgreich war: Sie bekam Unterstützung von USAID, der US-Entwicklungsbehörde, die sie in Kontakt brachte mit einem emeritierten Professor eines landwirtschaftlichen Instituts. Er half ihr, das Rezept für den Babybrei zu verbessern. USAID übernahm auch sieben Prozent der Kosten für die Gründung und Ausstattung ihres kleinen Betriebs. USAID brachte Aby in Kontakt mit U-IMCEC, wo sie zwei Darlehen erhielt, um die kleinen Wirtschaftsräume auszubauen. So konnte sie unter anderem einen festen Boden einbauen.

Inzwischen verkauft Aby ihre Babynahrung und weitere Getreideprodukte an USAID, Plan International und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Diese Organisationen vergeben die Babynahrung an Familien mit unterernährten oder mangelernährten Kindern. Ein schönes Beispiel, das zeigt, wie eine Kleinunternehmerin durch Unterstützung und Finanzierung internationaler Organisationen selbst Geschäftspartnerin dieser Organisationen werden kann.

Wir sind sehr beeindruckt von Aby und ihrem kleinen Betrieb: Sei es der solarbetriebene Kasten zur Trocknung des Getreides, die beiden sauberen Produktionsräume oder das Faltblatt mit allen Produkten und Rezepten – uns wird klar, hier ist eine Expertin am Werk. Aby hat sich ein Kleinunternehmen aufgebaut, auf das sie stolz sein kann. Und wir freuen uns, dass Oikocredit-Gelder eine so dynamische Frau und ihre Ideen unterstützen.

Ulrike Haug
Oikocredit Deutschland

Studienreise Senegal: Wie managt man eine Krisenregion?

Die Oikocredit-Repräsentantin für Westafrika heißt Mariam Dao. Während der Studienreise ist sie unsere Begleiterin. Den Platz im Bus neben ihr habe ich ergattert und so kann ich in Ruhe all meine Fragen stellen.

Mariam Dao

Mariam beantwortete während der Studienreise alle unsere Fragen.

Die Mutter von fünf Kindern strahlt eine besondere Ruhe aus. Fachlich hoch kompetent, sachlich, humorvoll und entschlossen, Dinge in den Ländern rund um ihre Heimat, der Elfenbeinküste, zu verbessern. Denn trotz Rohstoffen und fruchtbarem Land gehören mehr als zwei Drittel der 15 westafrikanischen Länder zu den ärmsten der Welt. Zudem bremst die extrem hohe Analphabetenquote Entwicklung aus.

Deshalb musste Oikocredit als sozialer Investor dort mit Finanzierungen und Beratung aktiv werden. 1994 hat Mariam Dao das erste Oikocredit-Büro in Afrika eröffnet. Mariam hat internationale Handelsbeziehungen und Kommerz studiert und kennt sich in der Finanzwelt aus. Inzwischen ist ihr Oikocredit-Team auf zwölf Mitarbeiter angewachsen. Sie kümmern sich um 84 Projektpartnerorganisationen in Westafrika. Die politische Instabilität und Bürgerkriege haben die Arbeit vor Ort immer wieder erheblich erschwert. Nichtsdestotrotz ist Oikocredit entschlossen, in den nächsten Jahren den Finanzierungsanteil in Afrika auf 20% zu erhöhen. Mir wird schnell klar, wie ambitioniert dieses Vorhaben ist.

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Mariam trifft immer den richtigen Ton – auf jeder Ebene.

Aber mit kompetenten und engagierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wie Mariam Dao ist Oikocredit bestens aufgestellt. Ich bin sehr froh, dass ich eine so aussergewöhnliche Frau kennenlernen durfte.

Ulrike Pfab

Oikocredit Förderkreis Baden-Württemberg

Studienreise Senegal: Und die Nähmaschine rattert…

Gut, dass ich mich durchgesetzt habe. Mikrofinanz ohne Nähmaschine geht eben nicht. Darum wollte ich von den Mikrofinanzkunden von Saint Louis Finance unbedingt eine Schneiderin besuchen. Außerdem bin ich ganz nebenbei auch noch Frau und die hell leuchtenden Stoffe sind einfach traumhaft schön.

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Gnagna hat eine Schneiderei in Louga

Gnagna Diaw ist Mitte Fünfzig. Im hinteren Teil ihres Ladens surren drei Näh- und Stickmaschinen. Männer sitzen darüber und besticken Stoffe nach den Vorgaben ihrer Chefin. Das Geschäft läuft offensichtlich ganz gut und alle sind sichtlich von Stolz erfüllt, dass sich ausländischer Besuch für ihre Arbeit interessiert. So hatte ich das bisher gar nicht betrachtet. Ich muss zugeben, dass mir bei diesem Besuch wieder ein paar Lichter aufgegangen sind.

Denn Menschen mögen arm sein, aber sie wissen sehr genau, was sie wollen, sie haben Ideen und Pläne für die Zukunft.

So lässt Gnagna, die Besitzerin der Nähstube, zunächst einige Zeit auf sich warten. Als sie zur Tür hereinkommt, sehe ich eine eher schüchterne Frau, die freundlich lächelt, aber ein bisschen verloren wirkt. So hatte ich mir eine Unternehmerin nicht vorgestellt, die ein Geschäft mit acht Angestellten führt. Und dazu kam es nicht zufällig.

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Die Reisegruppe macht sich bei einer Schneiderin in Louga in ein Bild vor Ort.

Gnagna hatte zuerst einige Jahre Stoffe verkauft. Damit lässt sich etwas Geld verdienen. Mehr verdient man aber, wenn man nicht nur Stoffe, sondern Kleidung verkauft. Daher hat sie vor sechs Jahren das Nähen gelernt, ihr Geschäft aufgebaut und hat seit nunmehr zwei Jahren den kleinen Laden. In das Schaufenster passen gerade mal zwei Schaufensterpuppen. Daneben stapeln sich Ballen von bunten, glänzenden Stoffen. Wir setzen uns auf eine kleine Bank und unterhalten uns. Sie spricht nur ein bisschen Französisch. Immer wieder springt die Kreditsachbearbeiterin von Saint Louis Finance zum Übersetzen ein, wenn die Mikrofinanzkundin meine Fragen nicht versteht.

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Stolz zeigt uns die gelernte Schneiderin ihre eigenen Kreationen.

„Natürlich habe ich schon genaue Vorstellungen, wie ich mein Geschäft ausbauen möchte“, erklärt mir Gnagna. Sie wolle sich vergrößern, einen Laden mit Ausstellungsfläche haben und neben den Auftragsnäharbeiten auch selbst eine Kollektion entwickeln. Aus Neugierde frage ich, wie sie die Muster entwickle. Daraufhin springt sie flink auf und holt von einem Regal über dem Schaufenster verschiedene Kataloge. Davon lässt sie sich inspirieren. Ups – die Professionalität ist eine weitere Überraschung. Mit einem ersten Kredit von der Oikocredit-Partnerorganisation Saint Louis Finance hat sie sich eine zusätzliche Nähmaschine gekauft. Für den weiteren Ausbau des Geschäfts hat sie bereits einen neuen Kredit beantragt. Kredite befördern offensichtlich Geschäftsentwicklung und schaffen neue Arbeitsplätze.

Design

Aktuelle Modekataloge geben Ideen.

Die ursprüngliche Wortbedeutung von Kredit ist „Vertrauen“. Dass sich eine Finanzinstitution für ihre Arbeit interessierte und Gnagna einen Kredit gegeben hat, hat ihr Selbstvertrauen gestärkt. Ich verstehe, dass die Menschen hier sehr wohl wissen, was gefragt ist und womit man Geld verdienen kann. Manchmal brauchen sie nur ein klein wenig Unterstützung, um eine weitere Hürde zu nehmen. Gnagna hat gerade wieder neu Anlauf genommen.

Ulrike Pfab

Oikocredit Förderkreis Baden-Württemberg



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