PORVENIR S.A. ist mit zwei Filialen (El Alto, Oruro) und rund 2.300 Kreditnehmern einer der kleineren Partner von Oikocredit Bolivien. PORVENIR ist deswegen trotzdem spannend, weil die Institution mehr als 98% seiner Mittel via banca comunal vergibt (in der Folge mit „Kommunalbank” übersetzt). Da sich diese Vergabemethode nicht nur im genannten Institut, sondern im gesamten bolivianischen Mikrofinanzsektor bewiesen und etabliert hat, möchte ich das Instrument und meine persönlichen Erfahrungen damit kurz skizzieren. Dabei werde ich für Zahlen, Details, etc. stets die besonderen Vorschriften und Verfahren von PORVENIR zu Hilfe nehmen, da ich dort während eines Besuches Theorie und Praxis dieses Instrumentes erleben durfte.
Eine Kommunalbank hat genossenschaftlichen Charakter: sie setzt sich aus ca. 6 bis 20 „Mikro-Bänkern” zusammen, die gemeinsam einen Kredit bei einem Mikrofinanzinstitut aufnehmen. Aus diesem gemeinschaftlichen Charakter des Kreditverhältnisses ergeben sich sowohl Vor- als auch Nachteile bzw. besondere Herausforderungen. Zunächst einmal werden natürlich die Risiken verteilt, was im Fall der Zahlungsunfähigkeit eines Einzelnen nicht unmittelbar zur Privat-Insolvenz und/oder Pfändungen von eventuellen Garantien führt, sondern durch die Gruppe abgefedert wird. Aus diesem Grund unterschreiben die Kommunalbänker im Moment der Ausschüttung auch nicht für ihre individuelle Kreditsumme, die dann von der Kommunalbank ausgeschüttet wird, sondern für die Summe der ganzen Gruppe. Zusätzlich verpflichtet sich ein Mitglied der Kreditgruppe, für die Gesamtsumme mit einer entsprechenden Garantie zu haften. Bei der Kommunalbank-Sitzung, der ich beiwohnen durfte, war diese Sicherheit bspw. ein Haus. Alle „Mikro-Bänker” müssen wohlgemerkt auch ihr eigenes „Mikro-Geschäft” betreiben, also eine sichere Einkommensquelle vorweisen, die pünktliche Ratenzahlungen garantiert (Schneiderei, Lebensmittelgeschäft, Elektronikartikel, etc.).
Die genannten Richtlinien, bzw. Haftungsverhältnisse, begründen eine besonders spannende und über den Erfolg der Kreditaufnahme (und -bedienung) maßgebende Gruppendynamik. Kommunalbanking ohne Vertrauen kommt einer Schweizer Uhr ohne Zahnräder gleich. Natürlich will ich meine Hand nicht für die vage Geschäftsidee eines „Luftikus“ ins Feuer legen. Die Angestellte von PORVENIR berichtete mir, dass sie aus ihrer 15-jährigen Kommunalbankerfahrung heraus sagen kann, dass tendenziell große (> 20) und bunt zusammengewürfelte Gruppen auf Dauer nicht funktionieren. Mikrofinanzinstitute schränken daher beispielsweise die Gruppengröße ein, verlangen eine gemeinsame „Vertrauensgeschichte” der Schuldner oder aber eine Zusammensetzung von geographisch stark vernetzten Personen (z.B. die gleiche Straße oder Nachbarschaft). Darüber hinaus muss jedes Mitglied der Kommunalbank seine Geschäftsidee und alle damit zusammenhängenden Informationen offen legen, sodass neben dem Kreditverwalter (in diesem Falle von PORVENIR) jeder Schuldner das Risiko bewerten kann. Schließlich werden, wie in einem Verein, Ämter und Verantwortungen vergeben: die Kreditnehmer werden in ihrer eigenen Kommunalbank zu Kassenwarten, Vorständen und Beisitzern. Die Verfassung als mündige und genossenschaftliche Schuldnerschaft wird so gestärkt.
Zudem kommt ein weiterer Mechanismus zum Tragen, um potenzielle Risiken einzudämmen: Wenn zu Beginn der gesamte Kreditrahmen ausgeschüttet wird, muss jeder Kommunalbänker 20% der von ihm aus dem neu gebildeten „Kommunalbank-Topf” bezogenen Mittel gleich wieder in demselben zurück zahlen. Dieser Puffer wird als Spareinlage geführt und am Ende des Kreditvertrages an den Sparer/Schuldner ausgezahlt.
Von diesem Moment an trifft sich die Kommunalbank alle zwei Wochen, um die Raten abzubezahlen und den Kreditverwalter des Mikrofinanzinstitutes über den Lauf der Geschäfte aufzuklären. Die jeweilige Rate jedes Kreditnehmers (die einzelnen Mitglieder sind verschieden hoch verschuldet) enthält immer die Abstotterung, Zinsen und einen obligatorischen Sparsatz als kontinuierlicher Pufferzusatz. An einer dieser Sitzungen kommt also ein gewisser Betrag zusammen, der stets innerhalb der Kommunalbank gehalten wird. Erst am Ende der Kreditlaufzeit wird aus dem angesammelten Kommunalbank-Topf dann der gesamte Kredit samt Zinsen mit dem Gläubiger beglichen. Aus den zweiwöchentlichen Rückzahlungs-Töpfen können dann weitere Kredite bezogen werden. Braucht der Mikro-Unternehmer beispielsweise zur Weihnachtszeit mehr Kapital, so kann er das von der Kommunalbank beantragen. Entschieden wird dies vom Kreditverwalter; im Falle einer Genehmigung sind es allerdings die Kommunalbänker selbst, die über Laufzeit und Zinssatz bestimmen. Die so gemeinschaftlich verdienten Zinsen werden am Ende der Kreditlaufzeit zu gleichen Teilen an die Mitglieder ausgeschüttet – denn schließlich trägt auch jeder dasselbe Risiko. Mit Gebühren, die bei Zahlungsverzug oder sonstigen Verletzungen der Vereinbarungen eingezogen werden, wird identisch verfahren.
Bei der Kommunalbanksitzung, an der ich teilnahm, fiel mir insbesondere die zentrale Rolle der Kreditverwalterin ins Auge. Man sitzt beisammen, redet über seine Geschäfte, stillt das Kind, zahlt seine Quoten, isst ein Hähnchen – in dieser geselligen Runde muss sie/er trotzdem Seriosität wahren und spontane Kreditbitten äußerst schnell bewerten. Für diese Analyse muss der Kreditverwalter die konkrete Kreditsituation des Klienten, seine Kredithistorie, den Konjunkturzyklus seines Geschäftes usw. kennen. Und das bei einem bolivianischen Durchschnittsverhältnis Kreditverwalter/Kreditnehmer von 1/200. Die Ausbildung und kontinuierliche Weiterbildung von Kreditverwaltern kann also gar nicht wichtig genug genommen werden.
Da es sich bei „meiner” Kommunalbanksitzung um eine Ausschüttung handelte, wurde ich zudem Zeuge einer bemerkenswerten Tradition: die banca communal wurde durch ein typisch-andines Tuch repräsentiert, auf der die gesamte Kreditsumme bar „ausgeschüttet” wurde. Bevor jeder Schuldner dann die ihm zukommende Summe erhielt, schüttete jeder Mitschuldner ein trockenes Gemisch aus Zucker und rohem Reis über das Geldbündel. Dieser Brauch verbunden mit einem kurzen Spruch soll Glück bringen und eine Vervielfachung des Geldes anregen. Das abschließende Mittagessen und die Gesprächsrunde besiegelten meinen zentralen Eindruck des Systems banca comunal: Aus der Logik des Instrumentes heraus ist jeder Kreditnehmer daran interessiert, dass auch das Geschäft des anderen floriert; selbst wenn dieser eigentlich in direkter Konkurrenz steht. Die immanente Gefahr eines zu großen Gruppendruckes kann schließlich über die Auswahl der Gruppenmitglieder überwunden und in der Folge in ein solidarisches Kooperationsverhältnis überführt werden, in dem Vertrauen zur entscheidenden Variablen wird.
Lukas Bäuerle
















